Die folgenden Fotografien stammen aus "Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Band I. Atlas. Dr. L. Bickell." Marburg 1901
Hexenthurm em. Fratzenstein
Lichtdruck von Sinsel & Co., Leipzig ergänzt von Dr. L. Bickell 1894
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel.
Band I.
Kreis Gelnhausen.
Im Auftrage des Bezirksverbands des Regierungsbezirks Cassel
bearbeitet von Dr. L. Bickell Bezirksconservator.
2. Der Hexenthurm, ursprünglich Fratzenstein, ist der besterhaltene auch interessanteste, und etwa in das Jahre 1447 zu setzen. Er wurde wohl in Folge der Hussitengefahr errichtet, um die aus der Burg nach dem Burgthor führende Brücke zu bestreichen; die Burgmannen fühlten sich jedoch durch denselben geniert, und führten vergeblich beim Kaiser Beschwerde gegen die Errichtung „neuer Bäue". Erst 1478 wurde er in Folge dessen „ausgemacht" (Jungh. p. 184). Er ist bereits wesentlich auf Feuerwaffen eingerichtet und als gedecktes Bollwerk anzusehen. Die auf den Plänen Tab. 14 angegebene Construktion, und die bedeutende Mauerstärke, lässt dies erkennen. Nach dem Geschützverzeichniss von 1569 war er für drei Doppelhaken eingerichtet, welche in den drei Nischen des Oberstockes standen, während die nach der Stadt gekehrte mit Wandschrank versehene wohl zur Aufbewahrung des Pulvers diente. Eine centrale Oeffnung im Gewölbe und Schlitze in dem polygonen, aus festen Ziegeln gemauerten Helm, diente zur Abführung der Pulvergase. Die Eingangspforte lagin der Höhe des Wehrganges, zu dem ein hölzerner Steg hinüberführte. Die Treppe läuft in der Mauerstärke, mündet in einen gedeckten Erker und führt zu dem bezinnten Wehrgang um den Helm. Das Erdgeschoss diente wohl zur Aufnahme der Munition, ausnahmsweise wohl auch von Gefangenen, war nur durch eine centrale Oeffnung im Boden des Oberstocks zugänglich, und hatte einen schräg nach oben führenden Luftschacht. In der Tünche der Mauer davor bezeichnet die eingeritzte Jahreszahl 1558 das Datum einer Reparatur, in Folge deren jene Besichtigung von 1569 stattfand. Der Name Gacken- oder Fratzenstein knüpft sich an eine hockende Figur, welche wohl zur Verhöhnung der Burgmannen nach löblicher mittelalterlicher Sitte (ef. die Fratzen des Ludwigsteins gegen den Haustein u. a. Neidbilder) angebracht wurde. Der heutige Volksmund hat mit dem üblichen Sachverständniss daraus den Namen für das hinter dem Thurm herführende Gässchen „Vierzehnstein" präparirt.